Was verstehen wir unter "Trialog"

"Psychiatrie ist trialogische Psychiatrie - oder sie ist keine Psychiatrie." ... Der von Margret Osterfeld in einer Abwandlung geäußerte Satz, der im Original "Psychiatrie ist soziale Psychiatrie - oder sie ist keine Psychiatrie" Klaus Dörner zugeschrieben wird, kann durchaus dazu verleiten, die Erwartungshaltung für einen funktionierenden Trialog in die Verantwortung der Professionellen zu denken, die somit für das Gelingen oder Scheitern des trialogischen Austauschs verantwortlich wären, sind sie doch die Gruppe mit der traditionellen Deutungs- und Definitionshoheit, die Krankheitseinsicht bei Betroffenen vermittelt und dementsprechend die therapeutische Richtung vorgibt. So betrachtet läge es nun bei den Gruppen der Betroffenen und Angehörigen, dieses gewachsene Monopol aufzubrechen, und bei den Professionellen, etwas von ihrer Hoheit abzugeben, um so die Anspruchsmasse gleichmäßig neu zu verteilen.

Der Trialog, so wie wir ihn verstehen, ist kein Ringen um Machtansprüche oder Hoheitswissen. Allein schon aus dem geschichtlichen Kontext wurde diese Begegnungsschwelle mittlerweile überschritten, zumindest aber betreten. Die Psychiatrie Enquete und die Sozialpsychiatrie der 1970er Jahre bilden neben der Gründung der Bundesverbände Psychiatrie-Erfahrener und der Angehörigen psychisch Kranker in den 1980er und 1990er Jahren die Meilensteine auf dem Weg die trialogische Idee zu entwickeln und umzusetzen. So sind es gerade Dorothea Buck und Thomas Bock, die sich um das Werden des Trialogs verdient machten, indem sie 1989 in Hamburg das erste trialogische Psychoseseminar ins Leben riefen.

Mittlerweile gibt es in Deutschland weit über 100 solcher Trialoggruppen. 2003 fand in Magdeburg im Rahmen der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener und des Bundesverbandes der Angehörigen die "Werkstatt Trialogische Psychiatrie" statt, aus der die "Magdeburger Thesen zur Trialogischen Psychiatrie*" entwickelt wurden. Seitdem hat sich die trialogische Grundhaltung in vielen Bereichen der psychiatrischen Versorgung zumindest ein Gehör verschafft. Wir sehen es als unsere Aufgabe, diese Grundhaltung zu unterstützen, zu fördern und unseren Beitrag zu leisten, diese in allen Feldern der psychiatrischen Hilfe zu etablieren.

* Magdeburger Thesen

These 1:
Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige psychisch kranker Menschen sowie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in allen psychiatrischen Handlungsfeldern, die miteinander auf gleicher Augenhöhe in Austausch treten, pflegen den Trialog.

These 2:
Im Trialog gehen Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und in der Psychiatrie Tätige jeweils als Experten in eigener Sache aufeinander zu, um voneinander zu lernen. So entsteht erst die Chance, psychiatrisches Denken und Handeln auf eine erfahrungswissenschaftliche Basis zu stellen.

These 3:
Der Trialog trägt dazu bei, die einseitige Definitionsmacht der psychiatrisch Tätigen in eine demokratische Handlungskultur zu überführen, indem er allen Beteiligten ermöglicht, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und einen offenen Diskurs zu führen.

These 4:
Die Verwirklichung einer demokratischen Psychiatrie, die auf dem Trialog fußt, erfordert die volle Unterstützung der Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener und Angehöriger.

These 5:
In allen Fragen - der Planung und strukturellen Weiterentwicklung gemeindepsychiatrischer Angebote, - von Gesetzesnovellierungen für den gesamten psychiatrischen Bereich, - der Aus-, Fort und Weiterbildung psychiatrisch Tätiger in allen Arbeitsfeldern, - der psychiatrischen Forschung, - der Entwicklung und Weiterentwicklung von Qualitätsstandards für eine trialogische Praxis, -der Weiterentwicklung des gesetzlich festgelegten Grundsatzes »Ambulant vor stationär« und der Forderung »Selbsthilfe vor Fremdhilfe« sind grundsätzlich Vertreterinnen und Vertreter der Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene demokratisch zu beteiligen.

These 6:
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Magdeburger Tagung »Selbstbestimmt leben - Werkstatt Trialogische Psychiatrie« rufen alle fachlich und politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik Deutschland auf, die Weiterentwicklung einer »trialogischen Psychiatrie« zu fördern und auf allen Ebenen durchzusetzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Magdeburger Tagung erklären sich bereit, die Idee des Trialogs in ihren jeweiligen Handlungsfeldern bekannt zu machen und weiterzuentwickeln.

Magdeburg, den 29. März 2003